Geige soll er mit vier spielen. Latein sprechen bestenfalls ab dem Kindergarten. Sport soll er so oder so bereits in der Spielgruppe einer kantonalen Auswahl angehören. Nichts scheint in der heutigen Gesellschaft mehr Anerkennung zu finden als aussergewöhnliche Leistungen. Dieser Leistungsdruck macht auch vor uns als werdende Eltern nicht halt. Jedenfalls nicht in unseren Gedanken. Wie formt man zweimal durchschnitt zu extraklasse?

Am Anfang sind es Floskeln, die das Gedankenexperiment ins Rollen bringen: «Von nichts kommt nichts» oder «früh übt sich, wer ein Meister werden will». Später sind es dann diskret angebrachte Hinweise der Grosseltern: «hoffentlich wird es mit ihm besser». Und schlussendlich ist es eine charmante Freundin, die es ohne Umschweife auf den Punkt bringt: «entweder spricht er mit zwei fünf Sprachen oder ihr applaudiert, wenn er mit sechs laufen kann». Et voilà! Plötzlich wird einem bewusst, dass an den Gedanken durchaus etwas dran ist. Natürlich können wir uns für gewisse Sachen auch auf unser Erbgut verlassen. Nach gründlicher Durchsicht unserer Familienstammbäume mussten wir aber mit Ernüchterung feststellen, dass ein aussergwöhnliches Talent wahrscheinlich nicht durch die Gene abgedeckt wird. Und an wem bleibt das Ganze nun hängen? Natürlich an uns. Eltern sein, verpflichtet – oder so ähnlich.

Gewissenhaft wie wir sind, prüften wir also bereits in der Schwangerschaft mögliche Handlungsalternativen. Soll die schwangere Katja ein paar Fachbücher kaufen und dann laut vorlesen? Gute Idee aber zu viel Auswahl bei den Büchern: Werden in 20 Jahren in der Medizin-, IT- oder Wirtschaftsbranche Fachkräfte gesucht? Und für alle Bereiche reicht leider die Schwangerschaft für die Laut-Vorlesezeit nicht aus. Also das sportliche Talent fördern! Mussten dann aber schnell feststellen, dass Ballett oder Tennis – mal abgesehen vom effektiven Lerneffekt für den Junior – mit dem Bauch nicht sonderlich praktisch war. Und so widmeten wir uns dem unspektakulärsten aber besten Frühstudium in der Schwangerschaft. Normaler Mensch sein, Schwangerschaft geniessen und der Vorfreude freien Lauf lassen! Es kommt, wie es kommen muss und so soll es auch sein. Witz bei Seite und Hand aufs Herz: Natürlich haben wir bis auf den letzten Punkt nichts der Gleichen gemacht. Wir sind absolute Verfechter eines möglichst natürlichen Lebens. Ob durchschnitt oder extraklasse, ob mehr- oder (k)einsprachig, ob talentiert oder unbegabt – wir lassen unser Kind in erster Linie Kind sein. Viel braucht es nicht. Unsere Liebe wird es für immer haben. Dies soll aber keinen Freipass sein, um auch noch in 30 Jahren bei uns zu wohnen!

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